Priesterschicksale
im Dritten Reich

Carl Röver - Tod eines Gauleiters

von Michael Rademacher

 Carl Georg Röver wurde am 12. 2. 1889 in Lemwerder geboren[1]. Sein Vater, der Verkäufer Johann Gerhard Röver, entstammte einem alten Bauerngeschlecht in Stedingen, worauf Carl Röver „sich stets etwas zugute tat“[2]. Sein Vater wurde wenige Jahre nach Carl Rövers Geburt Geschäftsführer eines Ladens in Oldenburg. Hier besuchte Carl Röver die Volks- und Mittelschule. Nach seinem Schulabschluß wurde Carl Röver Lehrling einer Kaffeehandlung in Bremen, für die er nach Abschluß seiner kaufmännischen Lehre bis 1911 als Korrespondent arbeitete. 1911 trat er eine Stelle in einer Faktorei in der damaligen deutschen Kolonie Kamerun, kehrte jedoch wegen einer schweren Malariaerkrankung 1913 nach Oldenburg zurück. Hier war er dann bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs im väterlichen Manufakturgeschäft in der Heiligengeiststraße tätig.

Carl Röver war zweimal verheiratet. 1915 heiratete er Marie Hermine (Minna) Tebbe, die Tochter des Rentners Hermann Heinrich Melchior Tebbe. Minna Röver, mit der zusammen er eine 1920 geborene Tochter hatte, verstarb 1921. Im folgenden Jahr heiratete Carl Röver zum zweiten Mal. Die Hochzeit mit Irma Kemmler fand in Libau in Lettland statt, dem Geburtsort seiner zweiten Frau. Mit ihr soll Röver mehrere Söhne gehabt haben, die aber allesamt kurz nach der Geburt verstarben.

Am Ersten Weltkrieg nahm Carl Röver von 1914 - 1918 teil, zunächst als Infanterist im Reserveregiment Nr. 233, dann ab 1916 in der Propagandaabteilung der Obersten Heeresleitung. Röver war ein glühender Anhänger der „Dolchstoßlegende“; die Niederlage Deutschlands hatten seiner Meinung nach „die Roten“ und die Juden verschuldet[3]. Günther urteilt über sein politsches Denken abschließend: „Rövers politisches Weltbild war primitiv und beschränkt, seine Gegner und Feinde standen unverrückbar fest, er verfolgte sie mit dauerhaftem Haß. Seine kulturellen Bedürfnisse scheinen geringfügig gewesen zu sein“[4]. Kurt Thiele, ehemaliger Gauinspekteur für Bremen, sieht es natürlich nicht ganz so negativ:

Seinem Werdegang in Elternhaus und Schule, vor allem aber seiner Veranlagung gemäß, war er kein Mann der „sogenannten“ gebildeten Schicht, sondern ein Mann des „sogenannten“ Volkes: einfach, offen, klar, unverschnörkelt im Denken und Sprechen. Er war ein Mann, den ich mehr und mehr schätzen lernte; ein Mann gleicher Gesinnung und gleicher Ideale; ein Mann -- trotz der äußeren auffälligen Unterschiede -- so recht nach meinem Herzen. Natürlich nicht, wie gerade dargelegt, gleich von der ersten Begegnung her. Ich kannte von zu Hause und ebenso danach bis dahin nur städtische Lebensverhältnisse: Röver wirkte daher auf mich zunächst wie ein bulleriger Naturbursche.[5]

Es gibt noch einen weiteren Grund für Thieles anfängliche Abneigung gegen Carl Röver, den Thiele in seinen "Aufzeichnungen und Erinnerungen" zwar nicht nennt, der sich aber leicht erschließen lässt: Thiele misstraute den Völkischen und insbesondere dem "Völkisch-Sozialen Block", die für ihn "politische Falschmünzer"[6] waren. Thiele hatte sich 1924 "einen besonderen Spaß"[7] daraus gemacht, eine Wahlversammlung des Völkisch-Sozialen Blocks in Bremerhaven zu stören. Der Völkisch-Soziale Block war im März 1923 von Nationalsozialisten und Deutschvölkischen gegründet worden und beteiligte sich an der Reichstagswahl vom 4. 5. 1924. Im April 1924 wurde Carl Röver der Führer der Ortsgruppe Oldenburg des "Völkisch-Sozialen Blocks"[8], auf dessen Liste er im gleichen Jahr in den Oldenburger Stadtrat einzog. So stellte Thiele erst nach einer gewissen Zeit fest, dass Röver dieselben politischen Anschauungen vertrat wie er:

Aber mit der Zeit erkannte ich unter dieser äußeren Schale den Kern, den ich für gut befand. Er war Nationalsozialist weniger aus geschulter Intelligenz plus Verstand als aus dem Grunde seines Wesens plus Verstand. Seinem angeborenen Wesen blieb er immer treu. Er war bis auf den Grund ehrlich und schlicht. Jedes Getue war ihm zuwider. Intrigen haßte er. Im oldenburger Lande war er aus­gesprochen beliebt. Hier war er der geborene Volksführer und am rechten Platze.[9]

Auch der ehemalige Gaugeschäftsführer Ernst Meyer beschreibt Röver in menschlicher Hinsicht als angenehmen und sozial engagierten Menschen:

Ich möchte Röver tatsächlich als sauberen und anstän­digen Menschen charakterisieren. Jeder Volksgenosse konnte zu ihm kommen. Er war ausserordentlich gutmütig und hilfsbereit. (...) Wenn jemand eine Notlage schil­derte, so wurde ihm in den meisten Fällen eine Unter­stützung angewiesen. Ich glaube, dass Röver als armer Mann gestorben ist.[10]

Meyers Vermutung wird bestätigt von Dr. Henry Picker, der in "Hitlers Tischgespräche im Führerhauptquartier" zu Rövers Tod vermerkt, dass dieser Hitler "stark erschüttert" habe, "hat er doch mit ihm einen Idealisten verloren, der von seinen Gehältern und Bezügen nur das Lebensnotwendigste verbrauchte und alles anderen wohltätigen und allgemeinen Zwecken zuführte." Röver hatte noch nicht einmal für die Absicherung seiner eigenen Familie gesorgt und so "muß der Führer Frau Röver das Haus, in dem die Gauleiterfamilie wohnt, von Reichs wegen übertragen lassen, damit sie wenigstens ein eigenes Dach über dem Kopf behält."[11]

Röver gehörte von seiner politischen Grundüberzeugung her zu der Anfang der zwanziger Jahre in Deutschland weit verbreiteten völkisch-antisemitischen Strömung; „schon in den frühen zwanziger Jahren fiel er durch üble antisemitische Anzeigen auf“[12]. Rövers Einsatz für die völkische Bewegung wurde erstmals 1923 aktenkundig. Der Polizeibericht vom 15. 4. 1923 berichtet über ihn: „Röver betreibt mit seinem Vater hier Heiligengeiststraße ein Manufakturwarengeschäft. Er war hier als Anhänger der völkischen Bewegung bereits bekannt, ist aber bisher nicht hervorgetreten.“[13]

Auf der Gründungsversammlung der NSDAP-Ortsgruppe in Oldenburg am 6. 4. 1925 wurde Carl Röver Ortsgruppenleiter der damals 21 Mitglieder umfassenden Ortsgruppe. Durch die schleppende Bearbeitung der Aufnahmeanträge in München - die NSDAP als solche war am 27. 2. 1925 neu gegründet worden - wurde Röver mit dem Eintrittsdatum vom 13. 7. 1925 und der Mitgliedsnummer 10545 in die NSDAP aufgenommen. Mit Verfügung vom 21. 6. 1927 wurde Carl Röver mit Wirkung vom 1. 7. 1927 Führer des Bezirks Ostfriesland-Oldenburg bestellt, der aus der Zusammenlegung der bisherigen Bezirke Oldenburg und Ostfriesland entstand. Röver war nun „in Zukunft für die Festigung und Ausbreitung unserer Bewegung in Nordwestdeutschland verantwortlich“[14].

Einen interessanten Einblick in Rövers praktische Arbeit, aber auch in seine 'intellektuellen Qualitäten', bietet sein Schreiben an Gauleiter Rust vom 15. 9. 1926[15]:

Ich wünschte ja nur, dass einer der prominenten Herren der Gauleitung einmal hier im Oldenburger Lande ein halbes Jahr arbeiten könnte, um zu sehen, wie bockig unsere „Landsleute speciell“ sind.

Die Versammlung in Varel war, das gebe ich zu, nicht genügend vorbereitet, aber nicht durch unsere Schuld. Wir haben s. Zt. Nach Suchenwirt-Veranstaltung die Ortsgruppe gegründet und die Herren in Varel uns versprochen, die nächste Versammlung gut vorzubereiten. Der Hauptmacher war auf Urlaub, und der andere Kollege gab uns keine entsprechende Nachricht. Unser Pg. Ernst Schultz ist 2 Mal in Varel und einmal in Neuenburg gewesen, um die Vorbereitungen zu treffen. Die Entfernung sind 35 und 45 Klm.- Alles können wir doch auch nicht immer nachkontrollieren.- Jedenfalls wird an diesen Plätzen nur wieder eine Versammlung angesetzt, wenn wir von hier aus alles in die Wege leiten. Bei Suchenwirth hatten wir durch!unsere Propaganda volles Haus.- Die Vareler haben ja auch so ziemlich bei D. Vorgearbeitet, jedoch ohne jeden Erfolg, woran dieser absolute Misserfolg an lag, weiss der Deubel.-

 

Röver trat nicht nur als Organisator, sondern auch als Redner in Erscheinung. Seine Reden zeichneten sich laut Günther aus durch die „Brutalität der Sprache und der Drastik der Bilder, die er verwendete“[16]. Seine Angriffe auf das Weimarer „System“ und seine Repräsentanten „brachten ihm in den Jahren 1931 und 1932 in ganz Norddeutschland Rede- und Versammlungsverbote ein.“[17] „Unwiderlegbar bleibt, daß er in der 'Kampfzeit' ein Volksverhetzer übelster Sorte war“ (Schwarzwälder)[18]. Günthers abschließendes Urteil lautet: „Die Methoden seines politischen Kampfes waren, selbst an den Maßstäben der damaligen Zeit gemessen, brutal und abstoßend[19]. Ein etwas anderes Bild zeichnet ein Polizeibericht aus dem Jahr 1927, in dem „die Ausführungen dieses nicht ungeschickten Redners“[20]wiedergegeben werden:

 

Die Ortsgruppe Bremen der NSDAP hielt in der ersten Monatshälfte zwei öffentliche Sprechabende ab. Ein Abend war von 60, ein anderer von 26 Personen besucht. An beiden Abenden sprach das Nationalsozialistische Stadtratsmitglied aus Oldenburg Karl Röver (....). An beiden Abenden sprach er über „Judentum und Rassenfrage“. Er führte aus, dass schon in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts die Juden alle einflussreichen Stellen zu beherrschen suchten. Der Jude, der nur auf seinen Vorteil hinausgehe, suche die arbeitende Klasse zu verdummen und habe sie dahin gebracht, wo sie heute stehe, nämlich vor dem Nichts. Ein typisches Beispiel sei Rothschild, der schon während des Krieges 1870-71 auf allen Seiten der Kämpfenden gestanden hätte und durch seine Presse ganz nach seinem Willen die Mark steigen bzw. fallen liess. Die Reichsbank sei schon vor dem Kriege ein jüdisches Unternehmen gewesen. In allen grösseren Konzernen habe der Jude seine Hände. Die Juden, die vor dem Kriege schon in der Reichsbank regiert hätten, sässen jetzt auch wieder fest in der Leitung. Die Juden wüssten ganz genau, was dem Arbeiter fehle und hätten ein Interesse daran, dass die Arbeiterschaft zersplittert sei. Daher gäben sie dem einen Arbeiter eine schwarz-weiss-rote, dem anderen eine schwarz-rot-goldene und dem dritten eine rote Fahne. Das Judentum sei ein Gemisch von schwarzen und weissen Menschen. Von dem Schwarzen habe er die Hinterlist und Verschlagenheit, von dem Weissen Intelligenz geerbt und sei dadurch in die Lage versetzt, über die gesamte Menschheit zu herrschen. An Hand zahlreicher Beispiele suchte der Redner seinen Vortrag zu erörtern. Wenn die NSDAP unter Führung von Adolf Hitler an die Regierung käme, dann würde die Judenklasse dahin abgeschoben werden, wohin sie gehöre. Wenn die Judenwirtschaft so weitergehe wie bisher, dann würde nach seiner Berechnung in nicht zu langer Zeit eine neue Inflation da sein und damit sei der Zusammenbruch Deutschlands unabwendbar. Das auf der höchsten Kulturstufe stehende deutsche Volk würde dann verschwinden. Es käme einmal der Tag, an dem die NSDAP zum Kampfe aufrufen würde. Die NSDAP wolle die Revolution; aber sie wolle sie auf gesetztlichem Wege, denn dies müsse dabei gesagt werden, sonst käme man ins Zuchthaus. Revolution heisse Erneuerung und dies sei die Losung der Partei. - Politische Gegner waren auf beiden Versammlungen nicht anwesend. Es wurde zum Eintritt in die Partei aufgefordert und für den Kampffonds der SA gesammelt.“[21]

 

Kurt Thiele, damals selbst ein führender Organisator der NS-Bewegung, sieht Rövers ordinäre Ausdrucksweise in einem anderen Licht, denn „was den Städter schockiert, schockiert nicht unbedingt auch den Landmann. Auf dem Lande kann man viel deutlicher und unverblümt reden. Und gar auf plattdeutsch ist meistens nicht anstößig, was auf hochdeutsch „shocking“ ist. Auf dem Lande ist „Schiet“ ein absolut honoriger Ausdruck.“[22] Auch die geradezu blutrünstigen politischen Reden Rövers sieht Thiele in einem anderen Licht:

 

Blutrünstige Reden konnte man in jener Zeit und vor jener Zeit überall in deutschen Landen hören. Der wissenschaftlichen Geschichtsforschung kann nicht verborgen geblieben sein, daß die Nationalsozialisten wohlüberlegt und somit mit voller Absicht nicht nur die Methoden des brachialen Kampfes sondern auch die Schärfe der Sprache bis zur blutrünstigen Sprache in Wort und Schrift ihren Gegnern aus dem Lager der roten Internationale abgesehen und abgelauscht hatten. Sie waren keine Erfindung der Nationalsozialisten. Den braven Bürgerlichen, die nie eine rote Versammlung besucht hatten und die rote Zeitungen nicht ins Haus kommen ließen, nun aber nationalsozialistische Versammlungen besuchten, war dieser Ton neu und schockierend.[23]

 

Doch auch die 'braven bürgerlichen' Zeitungen empfanden Rövers Reden zwar als demagogisch und wenig gehaltvoll, keineswegs aber als 'blutrünstig'. Im Gegenteil musste hier immer wieder zugegeben werden, dass Röver ein geschickter Redner war, der sein Publikum - das von den Zeitungen mehr gescholten wurde als der Redner - zu nehmen wusste. So berichtete die "Osnabrücker Zeitung" vom 6. 9. 1930:

 

Zur Kennzeichnung seines Niveaus sei erwähnt, daß er die Staatspartei, "die Demokröten mit dem mahraunierten Hering" "als Paarung aus Perversität" bezeichnete, daß er in einem geschmacklosen Vergleich "Koch-Löwenstein mit sei­nen Plattfüßen" erwähnte und daß er auf Zwischenrufe mit dem schöne (!) Wort "Sabelsuse" (!) antwortete.

Dieses Schlagwörterlexikon ließe sich noch beliebig ver­mehren, denn es ist tatsächlich so, daß man als Deutscher geradezu Scham empfindet, wenn ein Redner solcher Qua­lität - vom Politiker ganz zu schweigen - vier Stunden lang einen vollgefüllten Saal beschäftigen kann, wenn ein Mensch - wie muß es in dessen Inneren aussehen - vier Stunden lang einen Kübel von Schimpfworten und Beleidi­gungen auf Abwesende ausgießen kann, ohne daß eine Ver­sammlung überhaupt dem Gedanken Ausdruck gibt, wie unser Volk immer mehr auf diese Art und Weise von Oberflächlichkeit und Verhetzung in den Abgrund gezogen wird und ein Bild politischer Unreife bietet, das jeden, der es lieb hat, nur mit Trauer erfüllen kann."

 

Röver litt zeitlebens unter der Malaria, die er sich in Kamerun zugezogen hatte, was sich besonders bei seinen Auftritten als Redner bemerkbar machte. Kurt Thiele erinnert daran, daß es zur Zeit Rövers noch keine Lautsprecher gab. Das Reden in einem großen Saal erfordert also eine bedeutende körperliche Anstrengung:

 

Hierbei spielte ihm die Malaria manches unliebe Mal einen üblen Streich. Was die Zuhörer dann -- die einen als volkstümlich, die anderen als schockierend -- empfanden, war in Wirklichkeit eine Nothandlung. Erst zog er während der Rede den Rock aus, schließlich riß er den Schlips herunter und öffnete den Hemdkragen. Dies tat er nicht aus Effekthascherei. Derlei war seinem Wesen völlig fremd. Er tat es, weil ihm der Hals anschwoll, so daß er unter Luftnot litt. Aus diesem Grunde auch mußte immer genügend Sprudel am Rednertisch bereit stehen. Er mußte die Kehle kühlen.[24]

 

Auch sei Röver im Alkoholgenuß „zurückhaltend vorsichtig, möglicherweise ebenfalls wegen der Malaria.“

Rövers einziges, wirkliches Manko war, dass er seinen Redestil nicht der jeweiligen Gelegenheit anpasste. Thiele notierte bei Röver, er habe stets "gepredigt, daß es nur einen Nationalsozialismus gäbe und immer auch hatte er daraus den falschen Schluß gezogen, daß man ihn deshalb auch nur auf eine Weise an die Menschen heranbringen könne."[25] Ein besonders krasses Beispiel ist Rövers Ansprache anläßlich der Machtübernahme im Bremer Senat. Diese schockierte besonders den abtretenden Regierenden Bürgermeister, den alten Dr. Donandt, den Thiele wegen seines Alters und seiner würdevollen Erscheinung "den Hindenburg Bremens"[26] nannte:

 

Und wenn je, dann bewies er (Röver) hier, daß er kein Parkettdiplomat war. Und so hielt er eine Ansprache als stünde er auf der Bühne eines Saales vor einer großen Volksversammlung. Alles, was er sagte, war richtig. Es war dasselbe, was er in jeder Versammlung auch sagte. Ich kannte das weitgehend schon wörtlich. Nicht so natürlich die Herren vom Senat, insbesondere der alte Herr Donandt nicht. Man konnte erkennen, wie er innerlich entsetzt war über diesen Mann, der da in seinem Amtszimmer so laut und angestrengt redete, daß er einen roten Kopf bekam, der da so viel Wesens vom Volk und von der deutschen Mutter und vom Kind in ihrem Schoße machte, wo es sich doch seiner Meinung nach nur darum handelte, ob diese national-rote Naziwelle ein paar Sitze im Senat haben sollte anstelle der bisher dort gesessenen Sozialdemokraten oder ob, wie diese Nazis es forderten, der ganze Senat zurücktreten solle und künftig die Stadt den Nazis mehr oder weniger ausgeliefert sein sollte.[27]

 

Im Zuge der Angleichung der NSDAP-Gaue an die Reichstagswahlbezirke wurde Carl Röver am 1. 10. 1928 Gauleiter des neuen Gaues Weser-Ems. Im selben Jahr wurde er nach den oldenburgischen Landtagswahlen, bei denen die NSDAP weit besser abschnitt als im Reichsdurchschnitt, Mitglied des Oldenburgischen Landtags und gleichzeitig Führer der NSDAP-Fraktion. Diese Stellung gab ihm eine neue Plattform zur Verbreitung nationalsozialistischer Propaganda.

Bei der Wahl zum Oldenburgischen Landtag vom Mai 1932 verfehlte die NSDAP zwar die absolute Mehrheit der Stimmen, erreichte aber eine knappe Mehrheit der Mandate, die zur Bildung einer Alleinregierung der NSDAP ausreichte. Carl Röver wurde daraufhin am 26. 6. 1932 zum Ministerpräsidenten gewählt. Laut Wolfgang Günther hat Röver für das Amt des Ministerpräsidenten zunächst nicht kandidiert, „weil er sich offenbar dieser Aufgabe nicht gewachsen fühlte und seine Glaubwürdigkeit als einfacher „NS-Kämpfer“ ohne Karriereambitionen einzubüßen drohte.“[28] Auf der Ministerliste, die im Oktober 1931 bei dem Versuch, eine NS-Regierung zu bilden, zusammengestellt wurde, war sein Name nicht enthalten. Heinrich Böhmcker hatte hier den Spitzenplatz eingenommen. Das Amt des Ministerpräsidenten hat Carl Röver nur zehn Monate lang ausgeführt, denn im Rahmen der Gleichschaltung der Länder wurde er am 5. 5. 1933 zum Reichsstatthalter von Oldenburg und Bremen ernannt, was zwingend zur Aufgabe des Amtes führte. Neuer Ministerpräsident wurde Georg Joel, seit 1932 stellvertretender Gauleiter. Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges übernahm Röver neben seinen Ämtern als Gauleiter und Reichsstatthalter am 22. 9. 1939 noch das Amt eines Reichsverteidigungskommissars für den Wehrkreis XI Weser-Ems.

Seine Erfolge als Gauleiter waren bescheiden. Weder gelang es ihm, den Gau Weser-Ems zu einem Reichsgau zu machen, noch gelang ihm der Ausbau Oldenburgs zu einer repräsentativen Gauhauptstadt. Bei den "Wahlen" und Abstimmungen 1933 und 1934 belegte der Gau Weser-Ems einen der letzten Plätze in der Rangfolge der „Ja“-Stimmen. Als persönliche Ohrfeige muss Röver das offiziell verkündete Ergebnis der Reichstagswahl vom 10. 4. 1938 empfunden haben: sein Gau Weser-Ems war der einzige Gau im ganzen Deutschen Reich einschließlich Österreichs, in dem weniger als 98 % der Bevölkerung mit "Ja" gestimmt hatten.

Auch sein Lieblingsprojekt, der Ausbau der Stiftung „Stedingsehre“ bei Bookholzberg, konnte wegen des Kriegsausbruches nicht mehr fertiggestellt werden. Hier wurde erstmals 1934 das Freilichtfestspiel "Die Stedinger" des beliebten Heimatdichters August Hinrichs aufgeführt, das an den Kampf der Bauern des Stedinger Landes, aus dem auch Röver stammte, gegen den Bremer Bischof erinnerte. Daneben sollte der Bookholzberg ein großes Schulungszentrum werden und war auch zeitweise Sitz des Gauschulungsamtes Weser-Ems der NSDAP. Günthers Gesamturteil über Röver fällt dementsprechend aus: „Dem Urteil, die politischen Verhältnisse hätten ihn zu einer Stellung emporgespült, für die er nicht geeignet war und in der er sehr viel Schaden und wenig Nutzen stiftete (Schwarzwälder) ist nichts hinzuzufügen“[29].

Günthers Urteil über Rövers Fähigkeiten als Politiker fällt sehr hart aus, wie Günther Röver überhaupt insgesamt durchweg negativ beurteilt. Dass Röver hinsichtlich der oldenburgischen Landespolitik tatsächlich recht abenteuerliche Vorstellungen hatte, geht aus einer Aussage Hjalmar Schachts beim Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher hervor. 1932 hatte Hitler ein Treffen zwischen ihm und Röver arrangiert. Röver beabsichtigte, in Oldenburg ein eigenes Staatsgeld einzuführen. Hjalmar Schacht fand die Idee lächerlich: "Ich habe mich damals über diese Sache sehr lustig gemacht und habe Hitler ein Telegramm geschickt, worin ich ihm sagte, mit solchen Wundern könnte man die Wirtschaftsnöte des Deutschen Reiches nicht heilen."[30]

Mit den Kirchen ging Carl Röver durchgängig auf Konfrontationskurs. Der erste große Skandal war die sogenannte „Kwami-Affäre“. Im Herbst 1932 hatte der schwarzafrikanische Pastor Kwami Oldenburg besucht. Das Auftreten Kwamis hatte Röver als Schändung der weißen Rasse erklärt, was heftige Reaktionen seitens der evangelischen Kirche auslöste.

Im „Kreuzkampf“ im katholisch geprägten Südoldenburg im Herbst 1936, der sogar im Ausland Aufsehen erregte, erlitt Röver eine herbe Niederlage. Unter dem Druck der Bevölkerung mußte Carl Röver öffentlich die Rücknahme des Erlasses seines Ministers Pauly bekanntgeben, nach dem aus den katholischen Schulen die Kreuze zu entfernen waren. Für die 'Bekehrung' der katholischen Bevölkerung zum Nationalsozialismus war Röver allerdings auch nicht unbedingt der richtige Mann. Albert Krebs, der ihn Ende 1931 kennenlernte, meinte aufgrund von entsprechenden Bemerkungen Rövers, dass er "wie viele protestantische Norddeutsche einen antikatholischen Komplex gehabt hat"[31].

Schwierig war auch Rövers Verhältnis zu Bremen, „das er als Reichsstatthalter den Oldenburger Interessen unterordnen wollte.“[32] Carl Röver ernannte und entließ in Bremen zunächst die Bürgermeister Dr. Markert und O. Heider und setzte dann mit Heinrich Böhmcker am 16. 4. 1937 einen Oldenburger in das Amt des Regierenden Bürgermeisters ein, „ohne allerdings in jedem Falle mit dessen Gefolgschaftstreue rechnen zu können.“[33]

Auf Rövers völkisch-antisemitische Grundeinstellung ist bereits hingewiesen worden. An seiner bedingungslosen Treue gegenüber Hitler besteht kein Zweifel. So bemerkte er in seiner Denkschrift von 1942, in der er auch auf die Gefahren des Führerprinzips hinwies, dass sich diese "solange der Führer lebt"[34], praktisch niemals auswirken könne. Dies war nicht unbedingt selbstverständlich, wie der Fall Ernst Röhm und seiner Anhänger, die wie er die Doktrin von der "zweiten Revolution" vertraten, zeigt.

Röver war im Gegensatz zu vielen anderen Gauleitern nie in der SA aktiv gewesen. Eine Mitgliedschaft Rövers in der SA lässt sich nicht nachweisen. Erst am 9. 11. 1937 wurde Röver per "Führerbefehl" zum SA-Führer z. V. mit dem Dienstgrad eines Gruppenführers ernannt.[35] Röhm missbilligte den Kurs Röhms, die Schuld an Himmlers Mordaktion gegen die SA-Führung um Röhm sah Röver ausschließlich bei der SA. In seiner Denkschrift schrieb er: "Die SA ging unter Führung des Verräters Röhm dann jenen unheilvollen Weg, der zum 30. Juni 1934 führte."[36]

Mit Heinrich Himmler verband Röver nicht nur die Gegnerschaft zu Ernst Röhm, sondern auch die Schwärmerei für das Mittelalter. Bei der Grundsteinlegung zu Rövers Lieblingsprojekt, der Gedenkstätte "Stedingsehre" auf dem Bookholzberg, war Heinrich Himmler Ehrengast. In ideologischer Hinsicht war Röver Anhänger der Lehren von Alfred Rosenberg, der mit seinem "Mythus des 20. Jahrhunderts" und seiner krassen Kirchenfeindlichkeit auf heftige Ablehnung sowohl der katholischen als auch der evangelischen Kirche stieß. Röver, der 1932 bei der "Kwami-Affäre" einen heftigen Konflikt mit der evangelischen Kirche ausgetragen hatte, störte sich daran wenig und erklärte, in seinem Gau werde "nur mit Rosenberg geschult"[37]. Wie wenig erfolgreich Röver hinsichtlich der Verbreitung der von Rosenberg vertretenen kirchenfeindlichen „Gottgläubigkeit“ war, zeigt ein Vergleich der Daten der Volkszählungen vom Juni 1933 und Mai 1939.

In Fragen der innerparteilichen Organisation verstand sich Röver recht gut mit Martin Bormann, der Röver oft diesbezüglich um Rat fragte. Ein weiterer Punkt, der Röver und Bormann miteinander verband, war die Abneigung gegen den Leiter der deutschen Arbeitsfront und Reichsorganisationsleiter Robert Ley. Waren es bei Bormann und Ley eher Kompetenzrangeleien - beide fühlten sich für parteiliche Organisationsfragen zuständig -, die für eine Gegnerschaft ursächlich waren, so war Rövers Abneigung gegen Ley rein menschlich begründet. Röver, der im Umgang mit Alkohol vorsichtig war, verachtete Ley, der von der deutschen Bevölkerung den wenig schmeichelhaften Titel eines "Reichstrunkenboldes" verliehen bekommen hatte. Gegenüber dem Bremer Werftdirektor Franz Stapelfeldt bemerkte er einmal, dass, "wenn er, Röver, noch heute seinen Zeugladen hätte, und so ein Kerl wie Ley käme zu ihm mit der Aufforderung, in die Arbeitsfront einzutreten, würde er ihm in den Arsch treten und rausschmeissen."[38]

Mit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wurde Röver zunehmend skeptischer, auch gegenüber der NSDAP, „hatten doch in der Partei statt der „Alten Kämpfer“, als der er sich sah und der er bleiben wollte, die neuen Parteibürokraten die Herrschaft übernommen“[39]. Kurz vor seinem Tod verfasste Carl Röver noch eine Denkschrift, die sich mit innerparteilichen Organisationsfragen befasste, allerdings keine Zweifel am National­sozialismus als solchem oder gar an Hitler selbst äußerte, sondern lediglich punktuelle Verbesserungsvorschläge für die Arbeit der NSDAP machte, die nach Beendigung des Krieges umgesetzt werden sollten. Da Röver um seinen Gesundheitszustand wusste, kann die Denkschrift somit als eine Art "politisches Testament" angesehen werden.

Röver starb am 15. 5. 1942 in der Charité in Berlin, zu der man ihn zur Behandlung gebracht hatte. Spekulationen über eine angebliche Ermordung, für die es jedoch keine stichhaltigen Beweise gibt, halten sich hartnäckig. Zuletzt vertrat Harms die These von einer möglichen Ermordung[40]. Die offizielle Todesursache war eine schwere Lungenentzündung. Das Sterbe­buch der Berliner Charité weist als Todesursache eine Lungenentzündung und einen Schlaganfall aus. Zu dem Gerücht, Carl Röver sei ermordet worden, schreibt Curt Thiele:

 

Dem Zeitgeist gemäß wurde behauptet, Carl Röver sei keines natürlichen Todes gestorben. Er ist es. In meiner Rückschau sehe ich es so, daß er nicht daran glaubte, daß der Krieg von uns erfolgreich werde beendet werden können. Seit Beginn des Ostfeldzuges 1941 wurde ihm dies immer mehr zur Gewißheit. Sie lähmte seinen Widerstand anläßlich der schweren Erkrankung im nächsten Jahre. Sein Lebenswille zerbrach. Der Schluß scheint mir durchaus berechtigt, daß er nicht mehr wollte. Das innere Feuer, mit dem dieser Mann rund dreißig Jahre lang gegen ein tückisches Leiden angekämpft hatte und das ihn diesem Leiden zum Trotz in bewußter Selbstauf­opferungs­bereitschaft zu großen Leistungen befähigt hatte, war er­loschen. Es war nicht nötig, nachzuhelfen.“[41]

 

Angesichts der langen Krankengeschichte Rövers erscheint ein krank­heitsbedingtes Ableben durchaus glaubhaft. 1913 kehrte Röver, lebens­gefährlich an Malaria erkrankt, aus Afrika zurück. An den Folgen dieser Erkrankung hatte er sein Leben lang zu leiden, wie Kurt Thiele in seinen "Aufzeichnungen und Erinnerungen" schreibt[42].

Auch alle anderen Personen aus Carl Rövers persönlichem Umfeld sind sich darin einig, dass sein Tod krankheitsbedingt war. Ernst Meyer, bis 31. 12. 1934 Gaugeschäftsführer und von 1935 - 1942 Kreisleiter von Wilhelms­haven, führt Rövers Tod auf den Autounfall zurück, bei dem er sich eine Gehirnerschütterung zugezogen hatte[43]. Am 20. 12. 1937 geriet Rövers Wagen auf einer Fahrt auf der Reichsautobahn nach Hamburg infolge extremer Glätte ins Schleudern, kam von der Fahrbahn ab und rutschte „in einen drei Meter tiefen Graben senkrecht hinein.“[44] Die „Oldenburgische Staatszeitung“ verharmloste den Unfall und die von Carl Röver erlittenen Verletzungen: „Der Gauleiter hat sich dabei den Arm gebrochen. Sonst hat er nennenswerte Verletzungen glücklicherweise nicht erlitten.“[45] Dass dies eine stark geschönte Fassung der Ereignisse war, konnten sich die Leser der „Oldenburgischen Staatszeitung“ denken, als diese am 5. 1. 1938, über zwei Wochen nach dem Unfall, berichtete: „Der Gesundheitszustand des Gauleiters hat sich wesentlich gebessert. Es ist aller Voraussicht nach damit zu rechnen, daß er in einigen Wochen seine Dienstgeschäfte wieder übernehmen kann.“ Einige Wochen später, am 6. 2. 1938 berichtete die „Oldenburgische Staatszeitung“, Gauleiter Röver habe einen vierwöchigen Erholungsurlaub angetreten. Erst am 3. 3. 1938, zweieinhalb Monate nach Rövers Unfall, konnte die „Oldenburgische Staatszeitung“ melden, daß Gauleiter Röver wieder im Dienst sei. Dass er zu diesem Zeitpunkt immer noch nicht völlig wiederhergestellt war zeigt die Presseberichterstattung über den „Wahlkampf“ für die „Wahl zum Großdeutschen Reichstag“ am 12. 4. 1938, die die NS-Regierung nach dem Anschluß Österreichs angesetzt hatte. So meldete die „Oldenburgische Volkszeitung“ am 23. 3. 1938, daß Carl Röver „nicht persönlich wie bisher in allen Wahlkämpfen das Wort ergreifen wird.“

Schließlich geht aus einem Telegramm Heydrichs an Himmler[46] hervor, dass bei Carl Röver eine progressive Paralyse ausgebrochen war. Diese Krankheit, eine Spätfolge der Syphilis, im Volksmund "Gehirnerweichung" genannt, greift das Gehirn an, ist jedoch nicht unmittelbar tödlich, sondern führt zunächst zu Persönlichkeitsveränderungen, die zuerst mit Wahrnehmungs- und Gleichgewichtsschwierigkeiten sowie im Verhalten mit Taktlosigkeit beginnt und sich bis zu Wutausbrüchen und Tobsuchtsanfällen steigern kann.

Trotz aller Fakten, die für ein krankheitsbedingtes Ableben sprechen, vertrat zuletzt Ingo Harms 1999 die These von einer Ermordung Rövers. Obwohl sich Harms dabei Methoden der Quellenarbeit bedient, die mit einem geschichtswissenschaftlichen "sine ira et studio" nicht mehr das Geringste zu tun haben, gelingt es auch ihm nicht, die These von einer Ermordung als glaubhaft erscheinen zu lassen. Kurioserweise wartet Harms mit einer Fülle von neuen Quellen auf, die offizielle Variante von einem krankheitsbedingten Tod untermauern.

Als "Kronzeugen" bietet Harms den Magdeburger Heilpraktiker Gustav Richter auf. Er und die Heilpraktikerin Lydia Ritter-Dubbert aus Oldenburg waren nach Darstellung Harms' "die Ärzte, denen Röver vertraute"[47]. Dass Richter nach eigener Darstellung in den von Harms zitierten Berichten Röver erst am 8. Mai 1942 zum ersten Mal überhaupt gesehen haben will, verschweigt Harms. Rövers behandelnde Heilpraktikern im eigentlichen Sinne war somit Lydia Ritter-Dubbert, nach Richters Aussage eine seiner Schülerinnen. Aus dem Bericht Heydrichs an Himmler geht lediglich hervor, dass Röver nach Richter verlangt hat und dass dieser auf dem Weg nach Oldenburg sei[48]. Aber schon dass Richter Röver überhaupt jemals untersucht hat, ist unglaubhaft, denn Richter erwähnt in seinem Bericht[49] vom 20. 7. 1949 weder Rövers Malariaerkrankung noch den schweren Autounfall aus dem Jahr 1936, der eine Gehirnerschütterung zur Folge hatte[50]. Statt dessen soll Röver ihm von einer Syphiliserkrankung in Afrika berichtet haben, so dass nun der Ausbruch der Paralyse nahegelegen habe. Angesichts der Tatsache, dass Röver 1913 aus Afrika zurückgekehrt war, wäre dies eine medizinische Sensation gewesen, da eine progressive Paralyse 12 bis 15 Jahre nach der Syphilis ausbricht, in seltenen Fällen nach 20 Jahren, jedoch keinesfalls erst nach fast 30 Jahren.

Harms selbst überführt Richter der Lüge da dieser zwei Berichte verfasste, "bei der Richter im einen Fall Ohrenzeuge von Rövers Todesschrei gewesen sein will, im andern Fall einen Tag zuvor von der Gestapo fortgeschafft und bis zum 17. Mai festgehalten worden sei."[51] Auch das Motiv für die Erfindung einer solchen Lügengeschichte lässt sich aus dem Bericht vom 20. 7. 1949 direkt erschließen: das einzige Beweisstück, das Richter seinem Schreiben beifügt, ist eine Quittung über 10.000 Reichsmark, die die Gestapo bei ihm kurz nach Rövers Tod im Zuge einer Hausdurchsuchung beschlagnahmte. Bezeichnenderweise ist Richters Schreiben nicht, wie man eigentlich erwarten sollte, an die Polizei oder die Staatsanwaltschaft gerichtet sondern an den "Magistrat Berlin, Sozialwesen, Opfer des Faschismus"[52]. Obwohl für Harms also feststand, dass und aus welchem Grund Richter log, referiert er dessen Ausführungen in epischer Breite, da Richter der einzige von Harms aufgebotene Zeitzeuge ist, der eine Ermordung Rövers nahelegt.

Als möglichen Drahtzieher für eine Ermordung Rövers nennt Harms Heinrich Himmler, obwohl aus dem Telegramm Heydrichs eindeutig hervorgeht, dass Heydrich und Himmler erst im Nachhinein von Rövers Zustand erfuhren. Auf Anweisung Hitlers wurde Röver nach Berlin in die Charité verlegt. Mit der Verlegung

 

betraute Hitler nicht einen Facharzt oder seinen "Leibarzt" Morell, sondern den tausendfachen Krankenmörder Karl Brandt. Sollte er beabsichtigt haben, Röver umbringen zu lassen, hätte er keinen geeigneteren finden können.[53]

 

Dass Hitler Dr. Brandt 1934 zu seinem "Begleitarzt" ernannt hatte, verschweigt Harms. Die Frage, warum Brandt mit der Ermordung bis zur Einlieferung in die Berliner Charité, einem für eine unauffällige Beseitung eines mißliebigen Gauleiters denkbar ungünstigen Ort, gewartet haben soll, stellt Harms gar nicht.

Himmlers Motiv sieht Harms in der grundlegenden Rivalität zwischen SA und SS und behauptet, für Himmler müsse "Röver als Repräsentant der letzten SA-Hausmacht des 'Dritten Reiches' gewesen sein"[54]. Die nicht ganz unerhebliche Tatsache, dass Röver ja, wie bereits erwähnt, überhaupt kein aktives Mitglied der SA war, und erst am 16. 6. 1937 per "Führerbefehl" zum SA-Führer z. b. V. im Range eines SA-Gruppenführers ernannt wurde[55], verschweigt Harms. Auch die Gegnerschaft zu Ernst Röhm, die aus der auch von Harms herangezogenen Denkschrift Rövers hervorgeht, lässt eine Feindschaft zwischen Röver und Himmler als abwegig erscheinen. Kennt man die Aussage Ernst Meyers, zur Zeit des "Röhm-Putsches" Rövers Gaugeschäftsführer, dass Röver Hitler dreimal vor einem Verrat durch Röhm gewarnt habe[56], führt die These von einer grundsätzlichen Gegnerschaft zwischen Röver und Himmler ad absurdum. Rövers dreimalige Vorsprache bei Hitler hat dessen Zustimmung zu Himmlers Aktion gegen Röhm zumindest gefördert, wenn nicht gar erst möglich gemacht. Kurioserweise publiziert Harms in seinem Aufsatz ein Foto der Grundsteinlegung der Festspielstätte "Stedingsehre", das neben Alfred Rosenberg auch Heinrich Himmler als Ehrengast zeigt[57].

Um die These von einer Feindschaft zwischen Röver und Himmler zu untermauern, benutzt Harms noch Rövers Denkschrift, die er selektiv zitiert:

 

Röver vermeidet den direkten Angriff auf die SS, verurteilt aber die Erziehung in den Ordensburgen, bei der die Zög­linge "sich zu überheblichen, teilweise sogar arroganten Typen entwickelt" hätten.[58]

 

Betrachtet man nicht das aus dem Zusammenhang gerissene Zitat, das in dieser Form tatsächlich wie ein Angriff auf die SS wirken mag, sondern das ganze Kapitel in Rövers Denkschrift, so stellt man fest, dass nach Rövers Meinung die Heranbildung von Nachwuchs für das Amt des politischen Leiters nicht "auf Ordensburgen und ähnlichen Institutionen"[59] erfolgen solle, denn "der Führernachwuchs bedarf der praktischen Lebenserfahrung"[60]. Von einem Angriff Rövers auf die SS kann also keine Rede sein.

Ein weiterer Vertreter der Ermordungsthese ist der Engländer David Irving, der lediglich aufgrund des bereits zitierten Telegramms von Heydrich an Himmler zu dem Schluss kommt, Bormann habe Röver ermorden lassen[61]. Aufgrund der bekannten guten Zusammenarbeit zwischen Röver und Bormann in grundsätzlichen Organisationsfragen erscheint dies unwahr­scheinlich, zumal Röver in seiner Denkschrift vorgeschlagen hatte, nach dem Krieg solle die Reichsleitung straff unter der Führung einer Person gestellt werden. Dies sollte der Leiter der Partei-Kanzlei sein. Bormann hätte sich selber einen schlechten Dienst erwiesen, hätte er Röver, der ihm für den weiteren Ausbau seiner Machtstellung so nützlich sein konnte, beseitigt[62].

Noch ein anderer Umstand lässt die Vermutung, Bormann habe Rövers Ableben befördert, als absurd erscheinen. Im Frühjahr 1942 suchte Martin Bormann einen Vertreter für seinen Adjutanten Heinrich Heim, der bei Hitlers Tischgesellschaften dessen Ausführungen schriftlich festhalten sollte. Bormann entschied sich auf Vorschlag von Carl Röver für Dr. Henry Picker, Mitarbeiter im Gauamt für Kommunalpolitik des Gaues Weser-Ems, "weil der Vorschlag von einem bewährten Gauleiter stammte und Hitler die Anerkennung, die er dem Vater Pickers zollte, auf den Sohn übertrug"[63]. Hätte Bormann, der stets streng darauf achtete, wer Zutritt zu Hitler erhielt, tatsächlich eine Ermordung Rövers geplant, so hätte er wohl kaum dessen Protegé zu seinem Adjutanten gemacht und Zutritt zu Hitlers innerstem Zirkel verschafft.

Es gib somit keinen Beleg für eine Ermordung Rövers. Weitere von Harms erschlossene Quellen stützen die offizielle Version. So weist der Totenschein, der nicht von einem SS-Arzt, sondern von Professor Senf von der Berliner Charité ausgestellt wurde, als Todesursache Lungenentzündung und Schlaganfall aus[64]Heinrich Walkenhorst, Gaustabsamtsleiter und Mitverfasser der Röverschen Denkschrift, gab an, "daß Röver im Wahn in den zum Blockhaus Ahlhorn gehörenden Helenenteich gerannt sei"[65]. Eine Unterkühlung als Auslöser einer lobären Lungenentzündung, die in der Tat innerhalb weniger Tage tödlich verlaufen kann, erhöht die Glaubwürdigkeit des Totenscheines weiter, gerade im Hinblick auf die durch Malaria, Gehirnerschütterung und progressive Paralyse ohnehin dauerhaft ange­schlagene Gesundheit Rövers. Kommt nun noch eine Lungenentzündung hinzu, so erscheint ein Schlaganfall gewissermaßen als die "definitive", unmittelbare Todesursache völlig glaubwürdig.


[1]Dies und das folgende im wesentlichen nach Wolfgang Günther: Carl Röver. In: Biographisches Handbuch zur Geschichte des Landes Oldenburg, S. 611 - 613.

[2]Günther, S. 611.

[3]Günther, S. 611.

[4]Günther, S. 613.

[5] Rademacher, Michael (Hrsg.): Kurt Thiele: Aufzeichnungen und Erinnerungen des "Gauleiters Seefahrt" über die Frühzeit der NSDAP in Bremen. Ein Quellenband zur Geschichte der NSDAP in Bremen und Bremerhaven. Hamburg, 2000. S. 17.

[6] Rademacher: Thiele, S. 16.

[7] Rademacher: Thiele, S. 15.

[8]Dies und das folgende nach Schaap, Klaus: Oldenburgs Weg ins 'Dritte Reich' (Quellen zur Regionalgeschichte Nordwest-Niedersachsens; H. 1). Oldenburg, 1983. S. 63.

[9] Rademacher: Thiele, S. 17.

[10] Staatsanwaltliches Vernehmungsprotokoll vom 10. 11. 1948. BA Koblenz Z 42 IV/7047, Bl. 47.

[11] Picker, Henry: Hitlers Tischgespräche im Führerhauptquartier. Berlin, 1997. S. 475.

[12] Günther, S. 611.

[13] Zitiert nach Klaus Schaap: Oldenburgs Weg ins 'Dritte Reich' (Quellen zur Regionalgeschichte Nordwest-Niedersachsens; H. 1). Oldenburg, 1983. S. 63.

[14]Verfügung Carl Dincklages als Stellvertreter des Gauleiter des Gaues Hannover-Nord, Rust, vom 21. 6. 1927. Zitiert nach Schaap. S. 65.

[15]Zitiert nach Schaap, S. 65. Rechtschreibung und Zeichensetzung wie im Original.

[16]Günther, S. 612.

[17]Günther, S. 612.

[18]Zitiert nach Günther, S. 612.

[19]Günther, S. 613.

[20] Lagebericht vom 17. 9. 1927 für die Zeit vom 1. - 15. September 1927. StAO Best. 136 Nr. 2798 Bl. 333.

[21] Lagebericht vom 17. 9. 1927 für die Zeit vom 1. - 15. September 1927. StAO Best. 136 Nr. 2798 Bl. 339 f.

[22] Rademacher: Thiele. S. 20.

[23] Rademacher: Thiele. S. 20 f.

[24] Rademacher: Thiele. S. 18.

[25] Rademacher: Thiele. S. 18.

[26] Rademacher: Thiele. S. 71.

[27] Rademacher: Thiele. S. 71.

[28]Günther, S. 612.

[29]Günther, S. 613.

[30] Aussage Schachts am 30. 4. 1946. Der Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem internationalen Militärgerichtshof Nürnberg. Band 12. Nürnberg, 1947-1949. S. 463.

[31] Krebs, Albert: Tendenzen und Gestalten der NSDAP. Erinnerungen an die Frühzeit der Partei von Albert Krebs (Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte; Bd. 6). Stuttgart, 1959. S. 227.

[32]Günther, S. 612.

[33]Günther, S. 612.

[34] Rademacher, Michael (Hrsg.): Carl Röver: Der Bericht des Reichsstatthalters von Oldenburg und Bremen und Gauleiter des Gaues Weser-Ems über die Lage der NSDAP. Eine Denkschrift aus dem Jahr 1942. Hamburg, 2000. S. 43.

[35] MdL-Kartei des Staatsarchivs Oldenburg.

[36] Rademacher: Röver, S. 92.

[37] Zitiert nach Rudolf Willenborg: "Wir wollen Christen sein und keine Neuheiden. Die Entkonfessionalisierung der Schulen in Oldenburg, der Schulkampf in Goldenstedt, die Ausweisung des Offizials Vorwerk und der Versuch einer Zerschlagung der Kirchenleitung in Vechta. In: Christenkreuz oder Hakenkreuz. Zum Verhältnis von katholischer Kirche und Nationalsozialismus im Land Oldenburg. Herausgegeben von Willi Baumann und Michael Hirschfeld. Vechta, 1999. S. 35.

[38] Stapelfeldt, Franz: Mein Verhältnis zur NSDAP. Bremen, 1946. S. 25.

[39]Günther, S. 612.

[40] Vgl. Ingo Harms: Der plötzliche Tod des Oldenburger Gauleiter Carl Röver. In: Das Land Oldenburg. Mitteilungsblatt der Oldenburgischen Landschaft Nr. 102, I. Quartal 1999. S. 1-8.

[41] Rademacher: Thiele. S. 20.

[42] Thiele, S. 18.

[43] Lebenslauf Ernst Meyer, Bremen, 10. 11. 1948. Spruchgerichtsakte Ernst Meyer, BA Koblenz, Z 42 II/7047 Bl. 47.

[44] Oldenburgische Staatszeitung, 23. 12. 1937.

[45] Oldenburgische Staatszeitung, 23. 12. 1937.

[46] Telegramm Heydrichs an Himmler, 13. 5. 1942. In: Reichsführer!...Briefe an und von Himmler. Herausgegeben und eingeleitet von Helmut Heiber. München, 1970. S. 148 f.

[47] Harms, S. 3.

[48] Vgl. Telegramm Heydrichs an Himmler, 13. 5. 1942. In: Reichsführer!...Briefe an und von Himmler. Herausgegeben und eingeleitet von Helmut Heiber. München, 1970. S. 148.

[49] Schreiben Gustav Richters aus Magdeburg an den Magistrat der Stadt Berlin, Sozialwesen, Opfer des Faschismus, 20. 7. 1949. StAB 7,143-52.

[50] Richter berichtet nur von einem Autounfall, der in der Presseberichterstattung über Rövers Tod im Jahr 1942 ebenfalls erwähnt worden war, also im kriminalistischen Sinne kein "Täterwissen" voraussetzt.

[51] Harms, S. 4.

[52] Schreiben Gustav Richters aus Magdeburg an den Magistrat der Stadt Berlin, Sozialwesen, Opfer des Faschismus, 20. 7. 1949. StAB 7,143-52.

[53] Harms, S. 7.

[54] Harms, S. 7.l

[55] Staatsarchiv Oldenburg, Kartei über die Mitglieder des Oldenburgischen Landtages, Röver, Carl

[56] Staatsanwaltliches Vernehmungsprotokoll vom 10. 11. 1948. BA Koblenz Z 42 IV/7047, Bl. 47.

[57] S. Harms, S. 6.

[58] Harms, S. 7.

[59] Rademacher (Hrsg.): Carl Röver, S. 33.

[60] Ebda.

[61] Vgl. Irving, David: Hitlers Krieg. Bd. 1: Die Siege 1939-1942. München, 1983. S. 304.

[62] Rademacher (Hrsg.): Carl Röver, S. 63.

[63] Jochmann, Werner: Adolf Hitler. Monologe im Führerhauptquartier 1941-1944. Aufgezeichnet von Heinrich Heim. Herausgegeben und kommentiert von Werner Jochmann. München, 2000. S. 12.

[64] Vgl. Harms, S. 7.

[65] Vgl. Harms, S. 4.




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